Liebe Gemeinde,
nur noch wenige Stunden trennen uns vom neuen Jahr. Es ist, als ob wir an der Schwelle stehen, an der uns das neue Jahr erwartet. Hinter uns das Jahr, das seinem Ende zugeht und vor uns – sozusagen hinter der Tür – das neue Jahr. Da gehen die Gedanken zurück zu den Tagen und Wochen, die hinter uns liegen. Da erscheinen Tage vor unserem inneren Auge, bei denen uns warm ums Herz wird. Tage, die ein Lächeln auf unsere Lippen zaubern. Und zugleich sind da vielleicht auch Erinnerungen an Momenten, Begegnungen und an Worte, die uns einen Stich ins Herz geben, die wehtun.
Was bleibt von diesem Jahr? Was möchten wir gerne tief in unserem Herzen behalten und uns bewahren? Und was möchten wir am liebsten wegschieben und vergessen?
Was bleibt? Das ist das eine, was uns heute Abend bewegt, und zugleich geht der Blick aufs neue Jahr: Was kommt? Die WELT veröffentlicht zum Jahresende ein Interview mit dem Historiker Philipp Blom. Als Überschrift wählt sie folgendes Zitat aus diesem Interview: „Wir gehen auf eine schwierige und wahrscheinlich katastrophale Zukunft zu.“ Ist es so? Was macht das mit uns?
An der Schwelle zum neuen Jahr hören wir auf ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja. Ich lese Jes 51,4-6:
4Hör mir gut zu, mein Volk, und pass auf! Denn von mir kommt Weisung. Bald mache ich meine Rechtsordnung zu einem Licht für die Völker. 5Meine Gerechtigkeit ist nahe, meine Rettung ist schon auf dem Weg. Mit starker Hand schaffe ich Recht unter den Völkern. Auf mich hoffen die Bewohner der fernsten Inseln. Sie warten darauf, dass ich meine Stärke zeige. 6Schaut hinauf zum Himmel und blickt herab auf die Erde! Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid. Ihre Bewohner sterben wie die Fliegen. Aber meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.
Liebe Gemeinde, was bleibt?
Sehr deutlich spricht Jesaja davon, wie das Leben ist. Dass nichts bleibt. Nicht einmal unsere Welt wird bleiben. Vergänglich ist sie wie Kleider, die von Motten zerfressen sind und sich unter den Händen auflösen. Wie zerbrechlich unsere Erde ist, haben wir auch dieses Jahr wieder erlebt. Ich denke an die enormen Regenfälle in Spanien und das Hochwasser in Polen. Ich denke an die Bilder der Insel Mayote nach dem Zyklon Chido und an viele, viele Waldbrände. Trotz allem technischen Fortschritt sind wir gegen solche Ereignisse machtlos.
Wenn wir der biblischen Botschaft glauben, dann müssen wir einsehen, dass diese Welt, unser Kosmos tatsächlich nicht ewig bestehen werden. Und auch wenn wir als Christen natürlich Verantwortung für die Schöpfung und einen guten Umgang mit der Welt haben, werden wir sie nicht erhalten, nicht retten können. Alles Irdische, ja die Erde selbst ist vergänglich. Sehr klar spricht Jesaja im Auftrag Gottes davon, dass nichts bleibt.
Wir haben nichts in der Hand, im Leben nicht und nicht, wenn es ans Sterben geht. Aber in allem sind wir nicht allein gelassen. Denn wir haben zwar nichts in der Hand, aber wir sind in Gottes Hand.
Das Bibelwort aus Jesaja 51 will uns keine Angst machen und eine große Horrorszenario des Weltendes vor Augen malen. Nein, der Text will uns in aller Vergänglichkeit und trotz aller Vergänglichkeit eine andere Perspektive geben. Unseren Blick nicht auf das Vergängliche, sondern auf das Ewige ausrichten. Denn in allem klingt die große Hoffnung durch: Gott bleibt, und seine rettende Macht ist stärker als alles, was ist und kommt.
In dem Vers, der unserem Predigttext vorausgeht, wird beschrieben, dass Gott die Israeliten tröstet, an die das Bibelwort zuerst gerichtet war. Ihr Leben lag in Trümmern, nachdem die Babylonier sie aus der Heimat weggeführt hatten. Sie hatten alles verloren: ihre Heimat, ihren Besitz und vor allem auch den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Eine ganze Generation stand vor dem Nichts. In diese Situation hinein spricht Gott seine tröstenden Worte:
Aber meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.
Was bleibt, liebe Gemeinde?
Matthias Claudius sagte: »Etwas Festes muss der Mensch haben, daran er zu Anker liege, etwas, das nicht von ihm abhange, sondern davon er abhängt.«
Was ist der Anker, an dem wir uns festmachen?
Sind es unsere Leistungen und Erfolge? Unser Ansehen und die Likes in unserem Social Media Account? Oder sind es unsere Politiker und die Mächtigen dieser Welt, die doch hoffentlich im letzten irgendwie vernünftig agieren werden? Ist es unsere Demokratie, das System unserer sozialen Marktwirtschaft oder die EU? Auch unsere Versicherungen und unser Wohlstand können Anker für uns sein.
Doch, wenn wir ehrlich sind, dann merken wir, wie wacklig und unsicher all diese Anker sind.
Eingangs erwähnte ich das Zitat des Historikers Blom. Ich finde es höchst interessant, dass er im Interview von einer Sinnkrise spricht, deren Beginn er in der „Ermordung Gottes“ festmacht. Seitdem, so sagt er, haben wir ein Loch in unserem Weltbild und in unserer Sehnsucht nach Sinn und Sicherheit.
Dieses Loch versuchen wir ganz unterschiedlich zu stopfen. Es sind die Anker, von denen ich eben sprach, mit denen wir uns zu retten versuchen.
Aber im letzten können uns diese von uns selbst gemachten Anker nicht halten, weil sie auch der Vergänglichkeit unterworfen sind. Ich glaube, momentan spüren wir das ganz gut. Vieles, was wir als selbstverständlich angesehen haben, beginnt zu bröckeln. Das macht uns Angst. Wir merken: Wir brauchen einen anderen Anker. Einen, der wirklich bleibt.
Meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.
Das sagt Gott seinem Volk zu und das sagt Gott auch uns heute, an der Schwelle zum neuen Jahr zu. Gottes Hilfe und seine Gerechtigkeit bleiben. Sie sind nicht der Vergänglichkeit unterworfen. Als Ankerpunkte geben sie wirklichen und dauerhaften Halt. Gott ist es, der das Loch in unserem Weltbild ausfüllt und unsere Sehnsucht nach Sinn und Sicherheit stillt. Denn seine Hilfe und seine Gerechtigkeit sind unerschütterlich.
Gerechtigkeit bedeutet: Gott bringt unser Leben zurecht. Er legt uns nicht fest auf das, was war. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, um unser Leben zurechtzubringen. Wie tröstlich, wenn das über diesem Jahr steht, auf das wir zurückblicken.
Vielleicht ordnen manche von uns in diesen ruhigen Tagen über den Jahreswechsel die Fotos des vergangenen Jahres. Wir legen sie im Computer in Ordnern ab. Diese Bilder rufen Erinnerungen wach. Da denken wir vielleicht an schöne Momente und manches, was lustig war. Und vielleicht treten uns bei manchen Bildern Tränen in die Augen. Manche Bilder rühren auch an das, was wir am liebsten auslöschen würden. Weil sie uns vielleicht daran erinnern, wo wir etwas an Menschen versäumt haben, wo wir Versprechen nicht gehalten haben, auf andere herabgesehen haben. Wir denken an Situationen, die uns im Nachhinein leidtun, wir denken an Menschen, die wir verletzt haben. Und wir merken, dass wir nichts ungeschehen machen können, nicht einmal die Bemerkung, die den anderen so tief getroffen hat, obwohl wir uns gar nicht viel dabei gedacht haben.
Die Festplatte mit den gespeicherten Bildern gleicht unserem Leben. Jeder von uns trägt in sich unzählige Erinnerungen. Und wir spüren vielleicht manchmal, wie sehr uns diese Bilder der Vergangenheit prägen. Wir können nichts ändern und löschen.
Aber Gott kann. Er heilt und bringt zurecht. Die Bilder auf meinem Computer helfen mir zu begreifen, was es bedeutet, dass Gott unser Leben zurechtbringt. Gott wird Mensch in Jesus, er stirbt am Kreuz, und dort wird – im Bild gesprochen – unsere Lebensgeschichte mit allen Bildern von Schuld und Versäumnissen, die wir nie ungeschehen machen können, auf Jesus übertragen. So wie vom Handy die Bilder auf die Festplatte übertragen werden. Alles wird auf Jesus übertragen und bei uns wird gelöscht, was in Gottes Augen nicht bestehen kann. Jesus stirbt, um unser Leben zurechtzubringen. Unser Leben mit aller Schuld und allem, was wir nicht zurücknehmen können, wird auf ihn übertragen, und unsere Schuld wird gelöscht.
Wenn uns manches einfällt aus diesem Jahr, was uns leidtut, dann können wir bei jedem Einzelnen sagen: »Herr Jesus, ich danke dir, dass du auch das getragen hast. Lösch du es aus!« Das tun wir, wenn wir nachher im Abendmahl vor Gott kommen. Wir zeigen ihm die Fotos unserer Festplatte, die ungut sind und er nimmt sie von unserer weg und überträgt sie auf seine.
Auf diese Datenübertragung können wir uns verlassen. Weil Gottes Hilfe und seine Gerechtigkeit bestehen bleiben, auch wenn alles andere vergeht und zerfällt.
Wenn wir uns also Fragen, was bleibt, dann können wir sagen: Es ist die Zuwendung Gottes zu uns, die bestehen bleibt. Sein Ja zu uns, dass er in und durch Jesus Christus gesprochen hat.
Er ist es, der bleibt.
Jesus ist es, der unser Gestern heilt und zurechtbringt, der uns in der Gegenwart begleitet und uns morgen erwartet. Wenn wir heute Nacht den Schritt ins neue Jahr gehen, dann geht er mit. Er wird da sein in dem, was uns freut. Und er wird da sein, wenn wir Angst haben. Er wird da sein, wenn manche Erfahrungen unser Herz hart zu machen drohen. Ja, selbst in dem, wo wir schuldig werden vor Gott und an Menschen, ist er da.
Es kann niemand sagen, was das kommende Jahr uns bringt. Ob es vielleicht unser letztes Jahr sein wird. Was kommt, wissen wir nicht. Aber eines können wir wissen: Jesus wird da sein.
Das Wort aus dem Jesajabuch macht uns Mut, genau hinzusehen und unser Leben und unsere Welt realistisch zu betrachten: „Schaut hinauf zum Himmel und blickt herab auf die Erde.“ Wir sollen erkennen, dass nichts für immer bleibt! Denn nur dann werden wir uns nicht an einen Anker klammern, der untergeht. Nur dann können wir erkennen, dass wir uns nicht selbst retten und auch die Schöpfung nicht von und durch uns gerettet werden kann. Dann verstehen wir, dass uns keine neue Regierung in Deutschland und auch kein US-Präsident echte Sicherheit und Zukunft geben können. Und dann fokussieren wir uns auf das, was Bestand hat: Gottes Hilfe und seine Gerechtigkeit, die sich uns in Jesus Christus zeigen. Das ist es, was bleibt. Amen.
Die Predigt wurde am 31. Dezember 2024 in der Auferstehungskirche Ruit gehalten.
Link zum Gottesdienst: https://www.youtube.com/watch?v=X_uOxRMVdOA

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