Liebe Gemeinde,
von klein auf hören wir alle Jahre wieder die Weihnachtsgeschichte. Viele von uns haben sie sicher auch schon gespielt – Krippenspiele gibt es schon seit dem Mittelalter. Die Hirten, die Engel, das Baby Jesus im Stall mit seiner Mutter Maria und Joseph und dann noch die Sterndeuter mit den wertvollen Geschenken. Diese Story kennen wir. Die Evangelisten Lukas und Matthäus haben sie uns überliefert. Aus einer anderen Perspektive erzählt das Johannesevangelium von Jesu Geburt. Dieser Text, der sogenannte Hymnus aus dem Johannesevangelium, ist heute unser Predigttext. Ich lese den Hymnus aus Johannes 1:
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
16 Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Das, was Johannes schreibt, lässt sich in einem Krippenspiel nur schwer darstellen. Und doch spricht Johannes grundsätzlich vom gleichen Geschehen. Er beschreibt auf einer Metaebene, was wir an Weihnachten feiern. Man könnte sagen, er erläutert, was hinter den Kulissen passiert ist. Denn Johannes geht über die reine Erzählung hinaus. Während Lukas berichtet, wie die Hirten vor dem Kind in der Krippe niederknien und Matthäus von den Sterndeutern erzählt, die sich vor dem neuen König im Babyformat niederwerfen, erklärt und deutet Johannes das, was vor 2000 Jahren im Bethlehem passiert ist. Damit stellt er das Geschehen der Geburt Christi in einen großen, universalen Horizont. Es geht nicht um Krippe und Familienromantik, sondern um das Eingehen Gottes in die menschliche Welt und Geschichte.
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ So beschreibt Johannes das Unglaubliche: Jesus, der Sohn Gottes, wird als Säugling in diese Welt hineingeboren. Er kommt hilflos und angewiesen in diese Welt. Erfährt auch ihre Härte. Als Mensch lebt und fühlt er wie du und ich. Und doch, und das ist so Unbegreifliche, war und ist er noch so viel mehr. In ihm ist die Herrlichkeit Gottes, ja Gott selbst gegenwärtig
In der vergangenen Woche hatte ich mal wieder ein fast neugeborenes Kind auf dem Arm. Dabei musste ich an Jesus denken. Ich fragte mich: Hatte Jesus schon als kleines Baby eine andere, irgendwie außergewöhnliche Ausstrahlung? Ich denke nein. Er war halt zum Knuddeln, wie alle Babies. Die Hirten und die Sterndeuter fielen vor ihm nieder, weil sie den Verheißungen der Propheten und den Ankündigungen der Engel glaubten. Und Johannes schreibt seinen Hymnus aus der Retroperspektive – das heißt, er hat das ganze Leben Jesu, sein Sterben, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt vor Augen. Deshalb formuliert er „wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Auch wir kennen das ganze Leben Jesu und deshalb feiern auch wir an Weihnachten nicht nur das Wunder der Geburt eines süßen Babys, sondern dass Gott ins Jesus zu uns in diese Welt gekommen ist.
Und weil dieses Baby das fleischgewordene Wort Gottes ist, ist es auch entscheidend, wie wir uns zu diesem Kind positionieren. Es ist entscheidend, ob wir es nur süß und irgendwie besonders finden oder es zum Rettungsanker unseres Lebens machen.
Johannes beobachtet zuerst die Ablehnung des Kindes. Er schreibt: 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Die Menschenwelt erkennt Jesus, den Sohn Gottes nicht und verschließt sich ihm. Die einen lehnen ihn ab, weil sie meinen, gut allein klarzukommen. Andere ignorieren ihn, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind. Manche verspotten ihn sogar und wieder andere würdigen ihn zwar als besonderen Menschen und Vorbild, ehren ihn aber nicht als Sohn Gottes. Am Ende macht es keinen Unterschied. All diese Menschen lehnen Jesus und damit Gott selbst ab. Die Folgen davon sehen wir jeden Tag. In einer Welt, die Jesus ablehnt, regiert das Böse. Hass, Kälte und Gewalt sind an der Tagesordnung. Wir können an Weihnachten von Frieden, Freude und Liebe reden, aber wenn wir dem, der das alles bringt, keinen Platz geben, wenn wir ihn ablehnen und ausklammern, wird das alles leeres Geschwätz bleiben. Alle Jahre wieder berichten die Nachrichtensendungen kurz aus den Weihnachtspredigten unserer Kirchenoberen. Jesus kommt da in aller Regel nicht vor. Natürlich ist das nur ein kleiner Ausschnitt und ich will den Kollegen nicht unterstellen, Jesus in ihren Weihnachtspredigten zu vergessen. Die Medien jedenfalls schneiden und klammern ihn aus. Aber ganz ehrlich: ohne Jesus brauchen wir Weihnachten nicht zu feiern. Dann müssen wir so konsequent sein und Weihnachten abschaffen.
11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Bei einem Teil der Menschen, leider muss man wohl sagen im Mainstream unserer heutigen Gesellschaft ist es so.
12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben,
Nicht alle lehnen Jesus ab. Gott schafft das Wunder und öffnet Menschen Augen und Herz für seinen Sohn und damit für ihn. Wir, die wir seinen Geburtstag feiern und ihn als unseren Herrn bekennen, wir gehören zu diesem kleinen Teil. Darauf können wir nicht stolz sein, weil wir uns das nicht verdient oder erarbeitet haben. Darüber können wir nur staunen, uns freuen und Gott dafür loben und danken. Uns hat Gott die Augen und das Herz geöffnet. Wir erkennen in dem Kind in der Krippe die Herrlichkeit Gottes. Wir wissen, dass das fleischgewordene Wort unsere Rettung ist. Und deshalb feiern wir Weihnachten. Wir feiern, dass Jesus, der Sohn Gottes auf diese Welt kam, um uns Leben zu schenken, zu helfen, zu heilen, zu unterstützen, mitzuweinen, mitzuleiden, mitzulachen, mitzufeiern und um unsere Trennung von Gott zu überbrücken. Das feiern wir an Ostern. Sie wissen ja: Ohne Ostern ist Weihnachten nur ein Kindergeburtstag. Diese Trennung war auch der Grund, warum er Mensch geworden ist. Denn als Gott Mensch wird, hat er damit auch die Sterblichkeit angenommen. Er wurde ein Mensch, der sterben konnte und musste. Das ist letztlich der Sinn und das Ziel seiner Menschwerdung. Er wollte dir seine Liebe zeigen. Er wollte eine Beziehung zu dir haben. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er alles aus dem Weg geräumt, was dafür hinderlich war. Deine Schuld, dein Versagen, deine blöden Gedanken und deine Lieblosigkeit. Jesus war von Anfang an für dich. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Das war der Rettungsplan Gottes für seine Kinder. Für die, die ihn aufnehmen und ihm einen Platz in ihrem Leben geben.
Und genau daran müssen wir immer wieder erinnert werden: Jesus will einen Platz in unserem Leben haben. Und zwar den ersten Platz und nicht irgendeinen am Rand. Er will nicht nur ein Plätzchen an den Weihnachtstagen – so ungefähr in dem Zeitraum, indem wir auch Plätzchen essen. Sondern er will jeden Tag dabei sein. Er hat nicht gesagt: „Ich bin das Plätzchen oder das Bredla oder Gutsle des Lebens.“ Nein, Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“. – Grundnahrungsmittel. Jesus will dir nicht nur einen Monat des Jahres oder besondere Momente deines Lebens versüßen, er will nicht nur die Frustschokolade an blöden Tagen sein, nein, er will dich jeden Tag fürs Leben ausrüsten und in deinem Leben begleiten.
Wenn Jesus sagt, dass er das Brot des Lebens ist, meint er damit auch, dass die Beziehung zu ihm ein Grundbedürfnis von uns ist. Dafür sind wir geschaffen. Genauso wie wir jeden Tag Brot essen, brauchen wir jeden Tag Jesus. Von seiner Liebe, Vergebung und Gnade leben wir. Wir leben davon, dass wir jeden Tag wieder von neuem als Kinder Gottes in die offenen Arme unseres liebenden Vaters laufen.
„Von seiner Fülle haben alle genommen Gnade um Gnade.“ Wie gut, dass die Gnade Jesu kein Ende hat. Jedes Mal, wenn wir Abendmahl feiern, schöpfen wir neu aus dem Gnadentopf Jesu. Durch die Fleischwerdung des Wortes, durch die Geburt Jesu wird diese Gnade für uns sichtbar und greifbar. Im Kind in der Krippe erkennen wir die Liebe und das JA Gottes zu uns. Dieses Kind macht diejenigen, die es aufnehmen und ihm einen Platz einräumen, zu Kindern Gottes. Welch großes Geschenk. Welch großes Privileg.
Als Kinder Gottes haben wir aber auch einen Auftrag in dieser Welt. Wir sind Zeugen für unseren himmlischen Vater, für seine Liebe und seine Gnade. Deshalb lasst uns die Hauptbotschaft von Weihnachten weitersagen: Habt keine Angst. Jesus Christus ist geboren, um uns zu retten. Lasst uns das den Menschen sagen, die hoffnungslos und niedergeschlagen sind, denen die traurig und voll Angst sind und denen, die Jesus ignorieren und ausklammern. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Kärtle für die Nachbarn, die gerade nur noch alles den Bach runtergehen sehen oder eine WhatsApp an die Kollegin, die mit großen Sorgen auf das neue Jahr blickt? Wie wäre es mit einem guten, tiefsinnigen Reel oder Video für einen Freund, der Weihnachten lieber entflieht und gerade irgendwo am Strand liegt? Und welchen gestressten Bekannten könnten Sie mit einem Kuchen oder einem Mittagessen die frohe Botschaft weitergeben? Lasst uns mit unserer Art zu leben bekennen, das Licht ist in die Welt gekommen. Es ist da. Es wirkt. Und lasst uns beten, hoffen und glauben, dass Jesus in noch mehr Herzen Platz nehmen wird. Amen.
Die Predigt wurde am 1. Weihnachtsfeiertag 2024 in der Auferstehungskirche Ruit gehalten.
Link zum Gottesdienst: https://www.youtube.com/watch?v=Y06G5V2nfpg

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