Liebe Gemeinde,
in zwei Wochen ist Bundestagswahl. Wir müssen entscheiden, wo wir unsere Kreuzchen setzen und wem wir unser Vertrauen schenken. Um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, informieren wir uns über die Kandidaten, die wir wählen können. Welches Studium oder welche Ausbildung haben sie gemacht? Welche Erfahrungen bringen sie mit? Wie ist ihre Familiensituation? Was machen sie in ihrer Freizeit? Wo engagieren sie sich? In welchem Verein sind sie vielleicht sogar Mitglied? Wir möchten wissen: „Wer ist der oder die, dem ich mein Vertrauen schenke?“
Das ist auch die entscheidende Frage, die unser heutiger Predigttext aufwirft. Ich lese Markus 4,35-41:
35Am Abend dieses Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wir wollen ans andere Ufer fahren.« 36Sie ließen die Volksmenge zurück und fuhren mit dem Boot los, in dem er saß.
Auch andere Boote fuhren mit. 37Da kam ein starker Sturm auf. Die Wellen schlugen ins Boot hinein, sodass es schon volllief. 38Jesus schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Seine Jünger weckten ihn und riefen: »Lehrer! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?« 39Jesus stand auf, bedrohte den Wind und sagte zum See: »Werde ruhig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still.
40Jesus fragte die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?« 41Aber die Jünger überkam große Furcht. Sie fragten sich: »Wer ist er eigentlich? Sogar der Wind und die Wellen gehorchen ihm!«
Wer ist er eigentlich? Diese Frage müssen wir beantworten, um entscheiden zu können, ob wir ihm unser Vertrauen schenken oder nicht. An der Antwort auf diese Frage hängt unser Glaube. An seinem Sein entscheidet sich, ob seine Nachfolger auf Sand oder auf Felsen gebaut haben. „Wer ist er eigentlich?“ – Bevor wir diese Frage nochmal in den Blick nehmen, schauen wir uns erstmal noch die anderen Fragen im Text an. Davon gibt es nämlich ein paar.
Beginnen wir mit der ersten. Die kommt von den Jüngern. Ihre anfangs noch ruhige Bootsfahrt wird für sie durch einen aufkommenden Sturm recht plötzlich zum lebensbedrohlichen Abenteuer. Echte Stürme sind auf dem so friedlich wirkenden See Genezareth keine Seltenheit. Seine geographische Lage führt vor allem im Herbst und Frühjahr zu Fallwinden, die mitunter heftige Stürme auslösen können. In so einem Sturm stecken die Jünger. Sie kämpfen gegen die ins Boot schwappenden Wassermassen. Sie versuchen irgendwie das Kentern zu vermeiden. Und irgendwann fragen sie sich: „Wo ist eigentlich Jesus?“ – Der schläft hinten im Boot. Was, der schläft? Panisch, von Angst getrieben und sicher auch verärgert wecken sie ihn auf: „Lehrer! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?“ In der Frage der Jünger schwingt ein heftiger Vorwurf mit. Die Jünger deuten das Schlafen gegen sich selbst. Sie fühlen sich von Jesus vernachlässigt. Der, für den sie alles aufgegeben und zurückgelassen haben, schläft, während sie um ihr Überleben kämpfen. Ich kenne solche Fragen aus meinem Leben: „Jesus, ist es dir egal, dass es mir dreckig geht? Siehst du nicht, dass mir das Wasser bis zum Hals steht? Schläfst du oder was?“ Von den Jüngern, aber auch von den Psalmbetern können wir lernen, Fragen dieser Art, in denen Enttäuschung, Angst und Verzweiflung mitschwingen, auszusprechen. Das ist nicht verboten. Jesus selbst formuliert am Kreuz eine solche Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit er dem Himmel entgegen.
Wie reagiert Jesus auf die anklagende Frage der Jünger? Nach der Überlieferung von Markus und Lukas geht er auf die Frage der Jünger nicht ein. Statt eine Diskussion über Vertrauen und unnötige Panik zu beginnen, handelt er zunächst einmal. Er steht auf und bringt den See zum Schweigen. So, jetzt ist Ruhe. Viele von uns haben zu dieser Szene sicher Bilder aus der Kinderbibel oder der Kunst im Kopf. Auf der einen Seite, das wankende Boot auf dem aufgepeitschten See. Auf der nächsten Seite, der See, der spiegelglatt und ganz friedlich daliegt.
Jesus hat den Sturm durch sein wirkmächtiges Wort zum Schweigen gebracht. Und jetzt stellt er seinen Jüngern zwei Fragen.
Zuerst fragt er nach ihren Gefühlen: „Warum habt ihr solche Angst?“
Nun gut, die Antwort liegt doch eigentlich auf der Hand. Weil wir gerade um unser Leben gekämpft haben! Weil wir fast untergegangen wären. Weil du uns nicht unterstützt hast, sondern stattdessen geschlafen hast.
Warum hast du solche Angst? – Weil ich gerade eine schlechte Diagnose bekommen habe und mir die Ärzte nicht sagen können, ob meine Krankheit heilbar ist. Weil es in meinem Betrieb echt schlecht läuft und ich nicht weiß, wann ich meinen Job verlieren. Weil es in unserer Welt so viele Konflikte gibt, die zumindest gefühlt immer näherkommen. Weil die extremen Stimmen in unserem Land so laut sind. Weil ich das Gefühl habe, die Kontrolle über mich und mein Leben zu verlieren. Gründe, Angst zu haben und in Panik zu geraten, gibt es mehr als genug. Ich behaupte, jeder kennt das. Umso interessanter ist es, die zweite Frage in den Blick zu nehmen, die Jesus direkt hinterherschiebt.
„Habt ihr immer noch keinen Glauben?“
Mit dieser Frage wird klar, dass alle Gründe, Angst zu haben, nicht mehr zählen für den, der glaubt. Denn Glauben heißt Zutrauen zu Jesus und seiner Botschaft vom liebenden Vater, der sein Reich in dieser Welt aufbaut.
Also wenn jemand so ein Zutrauen haben muss, dann ja wohl die Jünger. Sie waren bei vielen Wundern von Jesus schon live dabei gewesen. Sie hätten beim aufkommenden Sturm doch völlig entspannt bleiben können und darauf vertrauen, dass Jesus das schon regelt. Aber auch sie waren halt eben Menschen wie du und ich. Wenn die Wogen bedrohlich hochschlagen, wenn Lebensstürme Gewohntes durcheinander schmeißen, dann übernimmt ganz oft die Angst das Kommando. Dann verlieren wir den, der Wind und Wellen gebietet, aus dem Blick. Dann wird unser Zutrauen immer kleiner und wir haben Angst, auch wenn wir theoretisch keine haben müssten. Jesus wusste das. In seiner Abschiedsrede formuliert er es ganz explizit: „In der Welt habt ihr Angst.“ Angst zu haben, gehört zu unserem Leben in dieser Welt. Und doch macht es einen Unterschied, ob wir Glauben haben oder nicht. Denn wenn wir Glauben, das heißt Zutrauen zu Jesus Christus haben, wenden wir uns in unserer Angst ihm zu – in dem Wissen: Er sitzt mit im Boot.
Spannend finde ich nun die Reaktion der Jünger. Die sagen nicht: „Na klar, Jesus, wie dumm von uns, dass wir vergessen haben, dass du mit uns im Boot bist.“ Nein, Markus schreibt: „Sie überkam große Furcht“. Die Jünger erkennen: „Hier ist gerade etwas Außergewöhnliches, ja etwas Übernatürliches passiert!“ Allerdings führt dieses Erkennen sie erstmal zu einem Fragen und nicht direkt zu einem Bekennen: „Wer ist er eigentlich? Sogar Wind und Wellen gehorchen ihm!“
„Wer ist er eigentlich?“, das ist die entscheidende Frage.
Gehen wir auf Antwortsuche in der Szene, die die Jünger zu dieser Frage bringt. Jesus wird zur Hilfe gerufen. Und was tut er: Er schickt kein menschliches Gebet zum Gott im Himmel, nein, er selbst spricht in Vollmacht zu Wind und Wellen. Er bedroht den Sturm und befiehlt dem See, ruhig zu werden und still zu sein. Jesus tritt den Naturgewalten mit seiner Macht entgegen. Genau das gleiche lesen wir im Alten Testament über Gott selbst. In der Schriftlesung haben wir gehört, wie Gott das Meer teilt. Bei Jona ist es auch eindeutig, wer Herr über den Sturm ist. In Psalm 107, den wir eingangs gebetet haben, wird Gott als der gelobt, der das Ungewitter stillt. Fakt ist: Jesus kann ebenso handeln wie Gott. Er steht hier in göttlicher Herrlichkeit vor uns. Er ist nicht nur ein Mensch, nein, er ist auch Gott. Das ist die Antwort auf die entscheidende Frage.
Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott. Theoretisch ist das vielen von uns klar. Das haben wir in der Kinderkirche, im Religionsunterricht oder im Konfirmandenunterricht gelernt. Und doch muss dieses theoretische, theologische Wissen lebendig werden. Doch müssen wir immer wieder wie die Jünger ins Staunen und Nachdenken kommen, um uns neu bewusst zu machen. Jesus Christus ist Gottes Sohn, ja Gott selbst. Er hat alle Macht.
Im Gegensatz zu den Jüngern auf dem See Genezareth haben wir den Vorteil, dass wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Wir wissen schon beim Lesen der Geschichte, dass Jesus an Ostern wirklich aller Angst die Berechtigung genommen hat. Er hat gezeigt: Das Leben ist stärker als der Tod. „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“ – Von Ostern her wird alle Angst aufgelöst.
Und von Ostern her, wird die Frage der Jünger: „Wer ist er eigentlich?“ zweifelsfrei beantwortet werden. Jesus ist der Christus. Er ist die Auferstehung und das Leben. Er ist Gott.
Wenn wir auf ihn unser Leben aufbauen, dann haben wir ein sicheres Fundament. Ihm vertrauen wir uns aus gutem Grund an. Von ihm erwarten wir zu Recht alles. Wenn Jesus die Naturgewalten beherrscht und Seestürme durch sein allmächtiges Wort zum Schweigen bringt, kann ich mir sicher sein, dass Jesus auch die Stürme meines Lebens zum Schweigen bringen kann. Das ist das große Versprechen, dass in diesem Text steckt.
Und gleichzeitig steckt in dem Text auch eine Anfechtung. Ausgelöst wird diese Anfechtung durch die Spannung zwischen der Sturmerfahrung und der Antwort, die wir auf die entscheidende Frage gefunden haben.
Die Anfechtung steckt im Warum, das viele von uns aus ihrem eigenen Leben kennen. Warum lässt Jesus überhaupt zu, dass seine Jünger und er in diesen Sturm geraten? Wenn Jesus Gott ist, dann hätte er doch wissen müssen, dass ein Sturm aufzieht und man an diesem Abend besser nicht mehr ins Boot steigt. Und wenn er schon unbedingt an diesem Abend fahren wollte, dann hätte er aber doch auf jeden Fall die Macht gehabt, den Sturm zu verhindern, oder? Und wenn Jesus Gott ist, dann ist er doch auch voller Liebe und Güte für uns Menschen. Wie kann er dann zulassen, dass seine Jünger Angst um ihr Leben haben müssen? Diese Warum-Frage schwingt auch schon in der anklagenden Frage der Jünger mit. Es ist die Spannung zwischen Glauben und Erfahrung, die in diesen Fragen zum Ausdruck kommt und die wir wahrscheinlich alle schon durchlebt haben.
Man könnte nun sagen, Jesus hat den Sturm zugelassen, um seine Vollmacht unter Beweis zu stellen und zu zeigen, wer er ist. Im Kontext der Erzählung ist das eine plausible Erklärung. Gleichzeitig beantwortet das nicht die Frage, warum die Jünger das Wunder auf eine existentielle Art und Weise miterleben müssen und sie Jesus nicht vom sicheren Ufer aus bei einer Sturmstillung zuschauen konnten.
Vielleicht, und das ist eine weitere Antwort, weil Jesus seine Jünger und ihren Glauben durch den Sturm auf die Probe stellen wollte. Ja, manchmal mutet Gott uns Dinge zu, um unseren Glauben herauszufordern. Das kann uns die falsche Selbstsicherheit nehmen und uns unsere Angewiesenheit auf ihn wieder vor Augen führen. Menschen, die über ihr Leben nachdenken, kommen häufig zu dem Ergebnis, dass Zeiten hoher Gefühlsintensität einschließlich Leidens für die persönliche Entwicklung und Reifung besonders wichtige Zeiten waren. Gott hält nicht alles Leid von uns fern, weil wir sonst meinen, ihn nicht mehr zu brauchen. Er gebraucht Krisen, um uns zurück in seine liebende Arme zu holen.
Das sind zwei Antwortversuche auf die Frage nach dem Warum.
Letztlich müssen wir sagen, dass es nicht immer eine für uns einsichtige Erklärung gibt, warum Jesus, der wie sein Vater allmächtig, allwissend und voll Liebe für uns ist, Stürme in unserem Leben und letztlich auch das viele, viele Leid und Leiden in unserer Welt zulässt. Im klagenden und fragenden Gebet können wir um eine Antwort ringen. Im theologischen Nachdenken können wir Erklärungsversuche finden. Doch, so schrieb es der Philosoph Odo Marquard: „Die Antworten …sind … durchweg unzureichend…Darum haben wohl diejenigen recht, die dem Glauben das letzte Wort geben, und das nicht zu können ist dann das eigentliche Unglück.“
Am Ende steht der Glaube, das Zutrauen zu Jesus Christus und die Erkenntnis, wer Jesus Christus ist. Dieser Glaube ist ein Geschenk. Wir können es nicht selbst machen, dass die Erkenntnis Jesu als Gott und Retter vom Kopf in unser Herz kommt. Jesus selbst wirkt das in uns. Und deshalb bringt es auch den Menschen, die ihm Sturm stecken nichts, wenn wir ihnen erklären, wie sie das hätten vermeiden können oder eine mehr oder weniger sinnvolle Antwort auf die Warum-Frage geben. Aber es hilft ihnen, für sie und mit ihnen zu Jesus zu gehen. Menschen, die sich in Krisen – oder Leidsituationen befinden brauchen unser Gebet. Und sie brauchen den Zuspruch:
Jesus sitzt mit im Boot. Auch in unseren Lebensstürmen. Jesus ist dabei. Warum er sie zulässt, können wir oft nicht beantworten. Warum wir manchmal viel Geduld brauchen, bis er dem Sturm Einhalt gebietet, auch nicht. Aber wir wissen: Jesus ist an unserer Seite. Das ist keine Garantie dafür, dass Stürme ausbleiben. Aber wir wissen, wohin wir mit unserer Angst, unseren Sorgen und unserer Not gehen können. Er lässt es zu, dass wir ihm unsere Ängste und Sorgen bringen. Dass wir ihm klagen, was uns das Leben schwer macht. Wenn wir das tun, wenden wir uns nicht an einen besonderen Menschen, dem wir einiges zutrauen. Es geht auch nicht um ein rein psychologisches Herzausschütten. Nein, wenn wir uns im Glauben an Jesus Christus wenden, dann setzen wir all unser Vertrauen auf den dreieinigen Gott persönlich. Von ihm erwarten wir alles. Amen.
Die Predigt wurde am 2. Februar 2025 in der Auferstehungskirche Ruit gehalten.

No responses yet