Liebe Gemeinde,

wenn die Royals dieser Welt irgendein Fest feiern und dabei von A nach B fahren, dann stehen oft viele, viele Menschen an den Straßen und jubeln ihnen zu. Vor allem aus England sind uns solche Bilder bekannt. Menschen stehen mit Fähnchen und anderen passenden Fanartikeln ausgerüstet an der Straße und jubeln ihrem Königspaar zu. Oft sind sie schon viele Stunden früher gekommen, um einen guten Platz zu ergattern. „God save the King!“, jubeln sie ihrem König zu.

Royals haben wir in Deutschland nicht und ich behaupte mal, wir sind prinzipiell nicht ganz so euphorisch und emotional wie die Briten, aber solche Jubelszenen kennen wir auch aus unserem Land. Zum Beispiel Ende Mai dieses Jahres als Bayer Leverkusen das Double feierte. Tausende Fans standen an den Straßen und bejubelten die Fußballer, die im Korso mit offenen Fahrzeugen zur großen Party in die Bayarena fuhren.

Wie fühlt es sich an, in solch einer jubelnden Menge dabei zu sein? Euphorische Begeisterung, die ansteckt. Ein Gemeinschaftsgefühl unter sich eigentlich fremden Menschen. Geteilte Freude.

Gefühle sind zeitlos. Und deshalb glaube ich, dass auch die jubelnden Menschen am Straßenrand in Jerusalem vor knapp 2000 Jahren ähnlich gefühlt haben. Damals als Jesus in Jerusalem einzog. Und damit kommen wir zu unserem heutigen Predigttext. Ich lese Matthäus 21,1-11:

1Kurz vor Jerusalem kamen Jesus und seine Jünger nach Betfage am Ölberg. Da schickte Jesus zwei seiner Jünger voraus 2und sagte zu ihnen: »Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Dort findet ihr gleich eine Eselin angebunden, zusammen mit ihrem Jungen. Bindet sie los und bringt sie mir. 3Und wenn euch jemand fragt: ›Was soll das?‹, dann sagt: ›Der Herr braucht sie.‹ Dann wird er sie euch sofort geben.« 4So ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten gesagt hat: 5»Sagt zu der Tochter Zion: ›Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.‹« 6Die Jünger gingen los und machten alles genau so, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte. 7Sie brachten die Eselin und ihr Junges herbei und legten ihre Mäntel über sie. Jesus setzte sich darauf. 8Die große Volksmenge breitete ihre Mäntel auf der Straße aus. Andere schnitten Palmzweige von den Bäumen ab und legten sie ebenfalls auf die Straße. 9Die Volksmenge, die vor Jesus herging und ihm folgte, rief unablässig: »Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt! Hosianna in himmlischer Höhe!« 10So zog Jesus in Jerusalem ein. Die ganze Stadt geriet in Aufregung. Die Leute fragten sich: »Wer ist er nur?« 11Die Volksmenge sagte: »Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.«

Jesus zieht in Jerusalem ein. Er reitet auf einem Esel, den seine Jünger für ihn zuvor seinem Auftrag entsprechend organisiert hatten. Die Menschen sind begeistert. Sie breiten ihre Mäntel und Palmzweige auf der Straße aus. Man könnte sagen, sie rollen für Jesus den roten Teppich aus. Euphorisch jubelt die Menge Jesus zu. Die ganze Stadt ist in Aufregung. Viele ließen sich von der Stimmung anstecken. Doch so manch einer war auch etwas verunsichert: „Wer ist er nur?“, fragten sich die Leute.

Das ist nicht nur eine sehr gute Frage, ich würde sagen, das ist die entscheidende Frage. Wer ist dieser Mann, der auf einem Esel in Jerusalem einzieht und wie ein König bejubelt wird?

Die Volksmenge antwortet den Unwissenden: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.“ Okay. Da haben wir eine Info. Ein Prophet. Allerdings wurde kein Prophet wie ein König gefeiert und bejubelt. Meist war eher das Gegenteil der Fall.  Schauen wir also weiter. Die Jubelrufe der Menge verraten uns noch mehr, über diesen Jesus. „Hosianna dem Sohn Davids“, schreit die Menge. Als Sohn Davids wird Jesus im Matthäus Evangelium öfter bezeichnet. Oft steht der Titel in Verbindung mit einer Heilung. Das passt auch zum Hosianna – zu Deutsch: „Hilf doch“. Die Menschen, die Jesus zujubeln, verbinden also die Hoffnung auf Hilfe und Heilung mit ihm. Viele von ihnen erwarten vom Nachkommen des großen König Davids vor allem eine Hilfe: Die Befreiung von der römischen Besatzungsmacht und damit ein Ende der Unterdrückung.

Die Wahl des Reittieres dürfte viele von den jubelnden Menschen in ihrer Hoffnung bestärkt haben. Die meisten von ihnen kannten sicher die Ankündigung des Propheten Sacharja, die auch Matthäus zitiert: Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.

Dass Jesus auf einem Esel reitet, sagt etwas über seine Mission und seine Art als König aus. Der König ist freundlich. Wer die Lutherübersetzung im Ohr hat, hört sanftmütig. Auch milde könnte man übersetzen. Sacharja beschreibt ihn als Gerechten und Helfer. Er kommt, um Frieden zu schaffen. Deshalb reitet er auch auf einem Esel. Im alten Orient ritten die Könige in Friedenszeiten häufig auf Eseln. Jesus macht also schon mit der Wahl seines Reittieres klar: „Ich komme, um Frieden zu schaffen.“

Jetzt wissen wir, warum die Leute Jesus zujubelten. In Jesus sahen sie ihren schon lang erwarteten neuen König, der ihnen zu Freiheit und Frieden verhelfen würde. Aber erklärt das auch, warum wir ihm heute noch zujubeln? Warum wir jedes Jahr im Advent seine Ankunft neu zelebrieren und vorbereiten?

Kennen Sie dieses Bild? (à Karikatur: Alexamenos betet seinen Gott an) Es ist eine Spottkarikatur aus dem frühen dritten Jahrhundert.  Heute in einem kleinen Museum in Rom zu finden. Ein Junge hebt die Linke Hand zum Kreuz. An dem Kreuz hängt ein Mann mit einem Eselskopf. Beide sehen sich an. Neben der Zeichnung steht: „Alexamenos betet seinen Gott an.“ Die Karikatur wurde in einer Jungenschule gefunden. Alexamenos war vermutlich ein christlicher Junge. Er wird von seinen Mitschülern für seinen Glauben verspottet. „Alexamenos Gott ist offensichtlich ein Esel. Ein Esel als Gott ist lächerlich und schwach. Wer so einen Gott anbetet, wer ihm zujubelt, der muss selbst ein Esel sein.“

„Wer ist dieser Jesus?“ Das ist die entscheidende Frage, an der unser Glaube und dessen Glaubwürdigkeit hängt: Auf einem Esel zog er als König in Jerusalem ein. Am Ende hing er wie der größte Verbrecher am Kreuz. Trotzdem bereiten wir uns noch heute auf seine Ankunft vor, feiern alle Jahre wieder seine Geburt. Sind wir Esel? Ja, so manch einer schüttelt auch über uns heute den Kopf. Die Traditionen können die meisten ja noch nachvollziehen. Advent ist super gemütlich. Die Deko ist schön, die Weihnachtsmärkte sind nett und das alles gehört ja auch irgendwie zu unserer Kultur. Aber, mal ganz ehrlich, das mit Jesus ist doch nur eine nette Geschichte für Kinder. Guter Stoff fürs Krippenspiel. Aber diesen Jesus heute noch als König zu feiern, ist das nicht etwas lächerlich? Regieren tun doch in Wahrheit andere und mit seiner Friedensmission ist dieser Jesus doch auch kolossal gescheitert, oder? Schon gegen die römische Besatzung damals hat er überhaupt nichts unternommen. Und bis heute erleben wir jeden Tag Unfrieden an allen Ecken und Enden.

Ja, das ist leider war – und dennoch behaupte ich, wir jubeln ihm zurecht zu.

Als Jesus am Kreuz hing, schrieben die Römer über ihn vier Buchstaben: I-N-R-I. Damit meinten sie spöttisch den Grund seiner Tötung festzuhalten. Doch was Jesus lächerlich machen sollte, sagt gleichzeitig die Wahrheit. Jesus ist der König. Das Kreuz ist sein Thron. Am Kreuz vollendet er seine Friedensmission. Mit seiner Auferstehung tritt er die Herrschaft des Friedens an. Nein, Jesus hat die Römer nicht vertrieben. Am Kreuz wirkt er wie der größte Verlierer. Doch von Ostern her wird rückblickend deutlich, dass mit Jesus einer gekommen ist, der einen anderen, tieferen Frieden brachte: Einen Frieden, der nicht auf dem Sieg über die Feinde und nicht auf dem Tod und Leiden anderer basiert, sondern auf der Bereitschaft dieses Königs, für sein Volk zu leiden. Die exekutive Kraft dieses Königs ist kein Militär, sondern heilvolle Liebe. Seine Herrschaft ist allumfassend. Sogar die Macht des Todes ist ihm untertan. Das hat er mit seiner Auferstehung bewiesen.

Im Kolosserbrief schreibt Paulus: „Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ Durch Jesu Tod am Kreuz wird Frieden zwischen uns und Gott möglich. Jesus nimmt auf sich, was uns von Gott trennt. Aus Liebe. Da sind wir bei dem Geschenk, von dem ich vorher gesprochen habe. Aus Liebe stirbt der König für dich. Um Frieden zu schaffen.

Echten Frieden, der dein Leben verändert. Dieser Friede verändert deinen Blick auf dich selbst. Und er prägt und verändert deine Beziehungen. Wenn du bei Jesus erfährst, dass du angenommen bist ohne Vorleistung und mit all deinen Fehlern, kannst du dir und anderen auch Fehler zugestehen. Wenn du erlebst, dass Jesus dir jeden Tag neu die Vergebung und damit den Frieden anbietet, kannst du auch mit dir selbst gnädig sein und dich leichter mit anderen aussöhnen. Wer das Friedensangebot Jesu annimmt und in seine Liebe erfährt, auf den färben die Charakterzüge des Friedenskönigs ab: Vergebungsbereitschaft. Liebe. Milde, Freundlichkeit, Sanftmut.

Wer ist dieser Jesus? – Es ist der schon lange vor seiner Geburt angekündigte Retter und Erlöser. Der Friedefürst. Der König, der durch seine Hingabe Frieden schafft.

Als dieser König in den Tagen vor Ostern umjubelt von der Menge in Jerusalem einzieht, wird es Advent: Gott kommt zu seinen Menschen. Er kommt als Herrscher des Friedens. Er kommt, um zu retten. Ich ermutige dich heute: Lass es auch bei dir Advent werden. Lass Jesus bei dir einziehen. Lass ihn dein König sein. Jubel ihm zu und erlebe seinen Frieden. Amen.

Die Predigt wurde am 1. Advent 2024 in der Auferstehungskirche Ruit gehalten.

Link zum Gottesdienst: https://www.youtube.com/watch?v=Fwb5fEGmMGM

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