Liebe Gemeinde,

„Meta schafft Faktencheck bei facebook und instagram ab“ – das war einer der großen Schlagzeilen der letzten Wochen. Mark Zuckerberg, Gründer und CEO von meta verkündet das Ende der Überprüfung von Meldungen und damit auch das Ende der Kennzeichnung von Falschmeldungen, sogenannten Fake News in seinen sozialen Netzwerken. Zunächst gilt das wohl nur in den USA. Er begründet diese Entscheidung mit der Meinungsfreiheit. Die deutschen Medien sind alarmiert und beunruhigt. Die Gefahr ist, dass falsche Meldungen als solche nicht mehr einfach erkannt werden können. Mit nur einem Klick können sich so Lügen und Falschmeldungen über die ganze Welt verbreiten. Menschen können in ihre eigene Welt der Verschwörungen und Lügen abtauchen. Was ist wahr? Und was ist falsch? Kann Wahrheit und Lüge noch unterschieden werden? In Zeiten, in denen intelligente Computerprogramme täuschend echte Bilder und Videos produzieren können, vermischt sich Wahres und Unwahres ganz schnell.

Wir Menschen haben unsere fünf Sinne, um Dinge wahrzunehmen und dann einzuordnen. Im digitalen Bereich sehen und hören wir die Meldungen und ordnen sie dann ein. Im realen Leben und der echten Begegnung können wir noch riechen, schmecken und fühlen. Und dann entscheiden wir: Echt oder unecht. Wahrheit oder Lüge. Das muss gut geprüft werden.

Soeben haben wir von Thomas gehört, dem Jünger, der aufgrund dieser Szene als Zweifler bekannt ist. Ich denke, wir tun ihm mit diesem Beinamen unrecht. Versetzen wir uns einmal in die Szene hinein. Nach zwei unglaublich intensiven Jahren mit Jesus, war dieser nun tot. Gestorben am Kreuz wie der größte Verbrecher. Die Freunde von Jesus waren benebelt von der Trauer. Sie waren verwirrt und mussten erst noch sortieren, was eigentlich passiert war. Und sie waren orientierungslos – was nun? Wie geht es jetzt weiter? In diese Situation hinein kommt der auferstandene Jesus Christus. Die Frauen, die am Grab gewesen waren, hatten den Jüngern bereits vom leeren Grab berichtet. „Jesus ist nicht mehr tot. Er lebt.“, hatten sie voll Freude erzählt.

Wie haben die Jünger diese wunderbare, aber doch irgendwie unglaubliche Botschaft wohl aufgenommen? Pure Freude? Erleichterung? So ganz befreit und voller Freude waren sie offensichtlich nicht. Wir lesen, dass die Jünger beieinander waren und die Türen fest verschlossen hatten – aus Angst vor den jüdischen Behörden. Sie machten sich also nicht auf die Suche nach dem Auferstandenen oder liefen durch die Straßen und verkündigten die frohe Botschaft. So ganz war sie bei ihnen selbst offensichtlich noch nicht angekommen.

Da kommt Jesus. Er tritt in ihre Mitte. Er redet mit ihnen und zeigt ihnen seine Hände und seine Seite. Jetzt lesen wir, dass die Jünger sich sehr freuten. Offensichtlich brauchten sie die persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, um zu glauben. Nur hören, reichte ihnen nicht. Sie mussten Jesus auch sehen.

Thomas war bei diesem Treffen nicht dabei gewesen. „Wir haben den Herrn gesehen!“, berichten ihm seine Freunde, als er wieder zu ihnen kommt. Thomas ist mit dieser Nachricht überfordert. Für ihn, ist das, was seine Freunde erzählen, unfassbar. Fake News? Da brauche ich erstmal einen Faktencheck: „Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben.“  Thomas will nicht nur von Jesus hören, das ist ihm nicht genug. Er will ihn sehen und fühlen. Mit möglichst vielen Sinnen, will er ihn wahrnehmen.

Thomas – der Zweifler. Wie hätten wir wohl an seiner Stelle reagiert? Es ist doch vernünftig, nicht alles direkt zu glauben. Besser ist es erstmal kritisch die Fakten zu prüfen und Beweise einzufordern. Nur so vom Hören-Sagen alles zu glauben, ist doch völlig unverantwortlich. Und dann ist da noch alles andere – so laut und evident. Der Tod. Das Leid. Die Trauer. Die Not und das Elend. Ist es nicht nachvollziehbar, dass Thomas mehr Beweise dafür braucht, dass Jesus lebt?

Wie gut für uns, dass Thomas hier nicht leichtgläubig übernimmt, was seine Freunde ihm berichtet haben. Wie gut, dass er für uns die Fakten nochmal gecheckt hat. Denn auch für uns ist es entscheidend, ob die Auferstehung Jesu nur eine Vision, eine schöne Vorstellung der Jünger war oder ein echtes, wirkliches und wahres Geschehen. Denn nur wenn Jesus in Wirklichkeit auferstanden ist, hat er auch in Wirklichkeit über Sünde, Tod, Teufel und alles Böse und Schreckliche dieser Welt gesiegt.

Thomas und damit auch wir bekommen den Faktencheck von Jesus. Acht Tage später sind die Jünger wieder beieinander. Dieses Mal ist Thomas dabei. Und da kommt Jesus wieder zu ihnen. Er kommt wegen Thomas. Denn Jesus sieht den Einzelnen in seiner individuellen Lage. Er weiß um unsere Glaubensnot und unsere Zweifel. Und so wendet er sich jetzt an Thomas: „Leg deinen Finger hierher und sieh meine Hände an. Streck deine Hand aus und leg sie in die Wunde an meiner Seite. Sei nicht länger ungläubig, sondern komm zum Glauben!“ – Jesus fordert Thomas zum Glauben auf und er gibt ihm den Beweis, den er eingefordert und gebraucht hatte. Das beeindruckt mich. Jesus geht auf die Zweifel von Thomas ein. Er nimmt sie ernst. Und er kommt nochmal zu den Jüngern – um die Zweifel des Thomas auszuräumen und um uns einen weiteren Zeugen an die Seite zu stellen, der für uns unseren auferstandenen Herrn Jesus Christus gehört und mit seinen Wunden gesehen hat.

Thomas reagiert auf die Ansprache Jesu mit einem Glaubensbekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Er streckt seine Hand nicht aus und legt seine Finger nicht in die Wunden Jesu. Er braucht das nicht mehr. Er kann jetzt glauben: Jesus, ist der Sohn Gottes. Ja, Gott selbst.

Was dann folgt, könnte man als Rüge verstehen. Jesus sagt zu Thomas: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind, die mich nicht sehen und trotzdem glauben.“ Es geht hier aber nicht um einen Tadel. Es ist die Feststellung, dass Thomas und übrigens auch die anderen Apostel, den Auferstandenen Jesus gesehen und erlebt haben, um in besonderer Weise Zeugen für seine Auferstehung zu sein.  Thomas ist also nicht besser oder schlechter als die anderen Jünger.  Es geht Jesus hier grundsätzlich nicht um besser oder schlechter. Jesus wusste vielmehr schon, dass die Zeit kommen wird, in der die Menschen ihn nicht mehr sehen und berühren konnten. Der Faktencheck war mit der Himmelfahrt Jesu schwierig geworden. Und so verheißt er denen, die glauben, ohne zu sehen und zu fühlen, einen besonderen Segen. Wir gehören zu diesen Menschen, von denen Jesus spricht. Keiner von uns hat den Auferstandenen leibhaftig gesehen, keiner hatte die Möglichkeit in seine Wunden zu berühren. Was wir haben, sind die Zeugnisse der Augenzeugen. Den Faktencheck haben diese für uns erledigt. Jesus lebt. Er ist auferstanden. Das Leben hat über den Tod gesiegt. Das sind keine Fake News. Das ist die Wahrheit.

Rund 2000 Jahre nach Jesu Leben, Tod und Auferstehung können wir nicht mehr mit all unseren Sinnen prüfen, was damals passiert ist. Was wir haben, ist das Wort Gottes, die Bibel. Diese gibt uns ein verlässliches Zeugnis davon, was damals passiert ist. Johannes nennt uns den Zweck seines Buches: Was in diesem Buch steht, wurde aufgeschrieben, damit ihr festbleibt in dem Glauben: Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes.

Der Kern des Glaubens

Das ist der Kern unseres Glaubens. Dieses Bekenntnis macht uns Christen aus. Die Bibel vergewissert uns: Das sind keine FakeNews. Das ist die Wahrheit.

„Wenn ihr das glaubt, habt ihr das wahre Leben durch ihn“, so formuliert es Johannes.

Die Bibel, das Wort Gottes, ist das eine Zeugnis, das wir haben, um unseren Glauben zu festigen. Und gleichzeitig finde ich es genial, dass Gott uns auch noch zeichenhafte Handlungen gegeben hat, um die unsichtbare Gegenwart Gottes zu vergegenwärtigen und uns seines Heils gewiss zu machen. Die sogenannten Sakramente machen das Gute und Heilsame des Glaubens sichtbar und erfahrbar. In ihnen erfahren wir Christinnen und Christen, dass Gott uns nahe kommt. Und wir Menschen sind eben darauf angewiesen, mit unseren Sinnen angesprochen zu werden. Ich will das an den beiden Sakramenten, die wir in der Ökumene teilen, beispielhaft veranschaulichen.

Da gibt es den einmaligen Taufritus, bei dem wir in den Tod und die Auferstehung Jesu mit hineingenommen werden und seine Erlösung erfahren. Wir hören den Zuspruch: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Und durch das Wasser wird das bedingungslose JA Gottes, sein FÜR DICH bin ich gestorben und auferstanden für den Einzelnen sichtbar und spürbar.

Nicht nur einmal, sondern regelmäßig feiern wir das Abendmahl bzw. die Eucharistie. Dabei bekennen wir, was uns von Gott trennt, bitten um Vergebung, hören den Zuspruch seiner Vergebung und sehen und schmecken dann die Gnade Gottes. In Brot und Wein ist Christus uns nahe. Ganzheitlich erfahren wir den Frieden, den uns Gott schenkt.

Liebe Mitchristen, in Zeiten, in denen Wahrheit und Lüge immer schwerer zu unterscheiden sind, bin ich froh, dass Jesus Christus selbst es ist, der mich in meinem Glauben gewiss macht. Er ist die Wahrheit, er öffnet unsere Herzen für die Wahrheit und vergewissert uns, um an der Wahrheit festzuhalten. Und ich bin froh, dass Johannes uns die Begegnung zwischen Thomas und Jesus überliefert hat, weil dieser zweifelnde Thomas mich lehrt, wie ich mit meinen Glaubenszweifeln umgehen kann. 1. Ich muss sie nicht verdrängen. Ich darf sie aussprechen. 2. Jesus nimmt meine Zweifel ernst. 3. Er begegnet mir in meinen Zweifeln. Durch sein Wort. In der Erinnerung an meine Taufe. Im Abendmahl. Aber vielleicht auch in einem Liedtext, im stillen Gebet, in einem Gottesdienst oder im Zuspruch eines Mitchristen. Jesus Christus macht es mir möglich, die Wahrheit zu erkennen, die Wahrheit zu bekennen und an der Wahrheit festzuhalten: Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes.

„Wenn ihr das glaubt, habt ihr das wahre Leben durch ihn.“

Amen.

Die Predigt wurde am Ökumenischen Bibelsonntag (19. Januar 2025) in der Auferstehungskirche Ruit gehalten.

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