Liebe Gemeinde,

„D‘Hauptsach isch, dass d’Hauptsach d’Hauptsach isch.“ – zu Deutsch: Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache ist. Dieses schwäbische Sprichwort mahnt an, dass es wichtig ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die Prioritäten richtig zu setzen. Der Fokus muss auf der Hauptsache liegen. Das heißt, keine Nebensächlichkeit sollte so wichtig und raumeinnehmend werden, dass die Hauptsache verdrängt wird und die Hauptsache sollte so präsent und wichtig sein, dass sie nicht zu einer Nebensächlichkeit verkommt.

Bei manchen Fragestellungen und Streitpunkten in der Gemeinde kann es schnell passieren, dass die Hauptsache aus dem Blick gerät. Auch bei den Christen in Rom war das offensichtlich ein Problem. Wir haben in der Schriftlesung bereits den ersten Abschnitt unseres heutigen Predigttextes gehört. Es gab Streitigkeiten über Essenvorschriften und über das Einhalten bestimmter Feiertage. Paulus macht klar, dass das nicht die Hauptsache ist. Viel wichtiger ist, dass alles zur Ehre des Herrn getan wird. In Streitigkeiten über Detailfragen brauchen sich die Christen nicht zu verlieren, denn, so macht Paulus klar, Gott ist derjenige, der richtet.

Damit kommen wir zum zweiten Abschnitt des heutigen Predigttextes Römer 14,7-13.

7Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. 8Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn! 9Denn dafür ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden: Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden. 10Du Mensch, was bringt dich nur dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du Mensch, was bringt dich dazu, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen! 11Denn in der Heiligen Schrift steht: »›Bei meinem Leben‹, spricht der Herr: ›Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen.‹« 12So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen. 13Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Werdet auch nicht zum Stolperstein für sie.

  1. Verurteilt euch nicht gegenseitig!

Eine Kirchengemeinde bietet eine Kreuzfahrt auf den Spuren von Paulus im Mittelmeer an. In der Nachbargemeinde entsteht darüber großer Unmut. „Wie können die als Christen eine Kreuzfahrt machen, die auch noch mit einem Flug verbunden ist?! Jeder weiß doch, wie klimaschädlich das ist. Dass die Bewahrung der Schöpfung ihre Aufgabe ist, haben die wohl echt noch nicht verstanden.“ – Paulus schreibt: „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen.“

Ein junges Ehepaar aus der Gemeinde entscheidet, ihre zwei kleinen Kids drei Tage in der Woche zu einer Tagesmutter zu bringen. Sie können sich als Familie insgesamt so besser organisieren, haben auch noch Luft, um sich in der Gemeinde einzubringen und haben, wenn beide zumindest teilweise arbeiten, so genug Geld für eine größere Wohnung mit kleinem Garten. Ein paar Leute aus der Gemeinde stören sich daran. „So kleine Kinder kann man doch nicht in Fremdbetreuung geben. Die Mutter sollte wirklich nicht arbeiten gehen. Es ist ihre Aufgabe als Christin für die Kinder da zu sein und ihrem Mann den Rücken freizuhalten.“ – Paulus schreibt: „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen!“

Ein Abiturient entscheidet sich für ein Philosophie-Studium. Er möchte andere Blickweisen auf die Welt kennenlernen und später gerne einmal Ethik-Lehrer werden, um bewusst auch außerhalb der christlichen Blase zu wirken. Seine Jugendkreisleiter können das gar nicht verstehen. „Nur ungläubige Menschen, die Gott noch nicht gefunden haben, studieren Philosophie. Als Christ ist es deine Aufgabe Religionslehrer zu werden.“ – Paulus schreibt: „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen.“

Eine ältere Frau meldet ihre 90jährige, demente Mutter im Pflegeheim an. Die Mutter braucht mittlerweile fast rund um die Uhr Betreuung. Das kann sie nicht mehr leisten. Ihre Kraftreserven sind aufgebraucht, ihre Akkus leer. Ein paar Frauen im Frauenkreis verstehen ihre Entscheidung nicht. Sie werfen ihr vor, egoistisch zu sein. „Wie kann sie das ihrer Mutter nur antun. Ehre Vater und Mutter – da kann man doch als Christin die Mutter nicht einfach ins Pflegeheim abschieben.“ – Paulus schreibt: „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen.“

Liebe Gemeinde, Paulus fordert die Christen in Rom damals und uns heute auf, uns gegenseitig nicht zu verurteilen. Dabei geht es ihm nicht darum zu sagen, dass alles egal, beliebig, gleich gut oder gleich falsch ist und der Lebenswandel von Christen ohnehin keine Rolle spielt. Nein, das ist nicht sein Punkt. Ihm geht es um etwas anderes: Niemand soll durch das Urteil der vermeintlich im Glauben Gefestigten und Starken ins Zweifeln oder gar zu Fall gebracht werden. Niemand soll seine Glaubensgeschwister in ihrer Heilsgewissheit verunsichern. Und die Gemeinschaft und Einheit unter Christen soll nicht durch Streitereien über Nebensächlichkeiten gestört oder gar zerstört werden. Das passiert ganz schnell, wenn es in ethischen Fragen scheinbar nur eine richtige Meinung gibt. Es ist sicher so, dass uns die Bibel Leitplanken gibt, an denen wir uns als Christen orientieren können und sollen. In vielen Punkten ist sie sehr klar und eindeutig. Aber es gibt nicht für jede Frage des Lebensstils die eine richtige und einzig korrekte Antwort. Deshalb sind Streitigkeiten darüber nicht zielführend. Vielmehr verunsichern sie die, die vom Typ ohnehin eher unsicher und oft von Zweifeln geplagt sind. Und sie verwirren diejenigen, die sich nicht schon von klein auf mit dem Glauben auseinandergesetzt haben und noch keine lange Geschichte in der Gemeinde haben. Die erst neu zu Jesus gefunden haben. Gott hat ihnen für das Entscheidende die Augen und das Herz geöffnet: „Gott liebt mich. Er nimmt mich an. Durch seinen Sohn Jesus Christus ist der Weg zum Vater für mich frei.“ Sie laufen in die offenen Arme unseres himmlischen Vaters. Dort erfahren sie die umwerfende Liebe unseres Gottes. Und dann kommen sie in die Gemeinde, wo sie dann von einer Gruppe „Mitchristen“ umringt werden, die mit dem Zeigefinger auf sie zeigen und in allen scheinbar wunden Punkten rumbohren. Ich weiß nicht, welcher Gruppe Sie sich mehr zuordnen: den Zweiflern, denen, die noch ganz am Anfang im Glauben stehen oder denen, die sich leicht zum Urteilen hinreißen lässt. Wichtig ist, dass wir miteinander unterwegs sind. Wir sind alle Kinder Gottes. Seine Gemeinde. Deshalb: „Lasst uns aufhören einander zu verurteilen. Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Werdet auch nicht zum Stolperstein für sie“. Das ist das eine.

  1. Christus ist der Herr und Richter.

Das andere ist, dass Paulus möchte, dass jeder in seiner ihm zugedachten Rolle agiert. Die Rolle des Richters, die haben wir nicht inne. Auf dem Richterstuhl sitzt ein anderer: der dreieinige Gott. Vor seinem Richterstuhl werden wir alle einmal stehen. Vor ihm wird jeder von uns einmal Rechenschaft über sich selbst geben müssen. Wir haben es eingangs im Wochenspruch gehört: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“

Da geht es dann nicht darum, was mein Nachbar, Kollege oder auch Mitchrist getan oder nicht getan hat – da geht es um mich. Und bei dir geht es um dich. Das wird eine ganz persönliche Angelegenheit sein. Keiner von uns ist von Gott schon jetzt zum Richter über seine Glaubensgeschwister eingesetzt. Das brauchen wir nicht, denn auch jetzt sind wir nicht herrenlos unterwegs. Schon jetzt leben wir für den Herrn. Schon jetzt gehören wir dem Herrn. Denn dafür ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden: Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden. – Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat sich Jesus Christus als der HERR erwiesen. Er hat gezeigt, dass er derjenige ist, der die Macht über Leben und Tod hat. Zu diesem Herrn gehören wir. Er ist unser Chef. Weil er alles für uns gegeben hat, wollen wir nun alles für ihn geben. Zu seiner Ehre wollen wir unsere Entscheidungen treffen. Unser Leben wollen wir so gestalten, dass er dabei groß rauskommt. Dass seine Liebe und sein Licht durch uns in dieser Welt aufstrahlen. Wie das konkret aussieht, ist in erster Linie eine Sache zwischen mir und ihm.

Es stimmt: Manchmal da brauchen wir auch die Unterstützung unserer Glaubensgeschwister. Da brauchen wir ihren Rat und manchmal auch die Ermahnung in Liebe. Ebenfalls im Römerbrief schreibt Paulus von der Gabe zu Ermahnung: „Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er.“ So übersetzt es Luther. Im Griechischen steht da nur ein Begriff, der sowohl mit ermahnen als auch trösten übersetzt werden kann. Das Wort heißt außerdem ermutigen oder auch bestärken. Richten und verurteilen steckt nicht drin. Wir merken also, auf welche Art wir Christen uns gegenseitig im Glauben weiterhelfen sollen: Aufbauend, ermutigend, bestärkend.

Am Ende des Römerbriefs spricht Paulus auch noch von einer zurechtweisenden Form der Ermahnung. Auch das brauchen wir manchmal. Bevor wir aber jemand so zurechtweisen sollten wir uns, so denke ich, drei paar Fragen stellen: 1. Geht es mir um mich und meine Ehre oder um die Ehre Christi? 2. Habe ich die Gabe der Ermahnung? 3. Bestärke ich meinen Mitchristen durch meine Ermahnung in seiner Heilsgewissheit oder verunsichere ich ihn so stark, dass er anfängt an der Gnade Christi zu zweifeln?

Wir brauchen ermutigende und bestärkende Ermahnung. Manchmal da brauchen wir auch eine warnende Ermahnung unserer Glaubensgeschwister.  Wir brauchen Begabte in beiden Bereichen. Was wir aber nie brauchen, ist die Beurteilung oder gar Verurteilung. Nicht wir sitzen auf dem Richterstuhl. Christus sitzt dort.

  1. Du bist angenommen.

Der Gedanke, dass wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen und über uns Rechenschaft geben müssen, kann uns Angst machen. Was wird da alles ans Licht kommen? Was kann ich an Gutem vorweisen? Und was soll ich zu meiner Verteidigung vorbringen für all das, was ich verbockt habe? Habe ich meinem Herrn nicht viel zu oft die Ehre verweigert? Wie kann ich in diesem Moment bestehen? – Die Antwort ist hart und unglaublich befreiend zugleich: Gar nicht. Ich kann nicht bestehen. Und du kannst auch nicht bestehen. Keiner kann bestehen. Aber – und das ist das unglaublich Geniale: Wir müssen es auch nicht. Denn das Urteil steht schon vor dem Prozess fest: Gott hat dich angenommen. Paulus schreibt ein paar Kapitel vorher an die gleichen Christen in Rom: Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist. Damals waren wir noch Sünder. Jetzt hat Gott uns als gerecht angenommen. Denn das Blut von Christus wurde für uns vergossen. Umso gewisser können wir sein, dass wir dann auch vor Gottes Zorn gerettet werden. (Römer 5,8f.)

Du bist angenommen. Durch Jesus Christus. Das Gericht muss dir keine Angst machen.

Eine Frage ist für mich noch offen: Warum braucht es überhaupt ein Gericht? Warum müssen wir uns alle noch vor dem Richterstuhl Christi verantworten, wenn das Urteil doch schon gesprochen ist? Ich denke, es geht darum, dass es nicht egal ist, wie wir uns verhalten und wie wir leben. Es wäre denen gegenüber, die wir absichtlich oder unabsichtlich verletzen, nicht gerecht, wenn das alles einfach so stehenbleiben würde. Über alles ein einfaches Schwammdrüber ist aus Opferperspektive unvorstellbar. Deshalb kommt das alles nochmal auf den Tisch. Doch die Strafe, die wir für all unsere Lieblosigkeiten verdient hätte, hat ein anderer bereits getragen. Jesus Christus selbst. Unsere Taten sind nicht egal und es darf uns durchaus ein Ansporn sein, die Liebe Christi in unserem Leben sichtbar werden zu lassen. Dabei soll uns aber nicht die Angst vor Gott als Richter noch der erhobene Zeigefinger unserer Mitchristen leiten, sondern das Wissen, wie groß Gottes Liebe zu uns ist. Wie großzügig er über uns urteilt. Und was er uns alles vergibt. Er sagt zu dir: Ich verurteile dich nicht. Durch meinen Sohn Jesus Christus nehme ich dich an. – Deshalb: Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen.

Amen.

Die Predigt wurde am 17. November 2024 in der Auferstehungkirche Ruit gehalten.

Link zum Gottesdienst: https://www.youtube.com/watch?v=KKYPdixfB2c

Category
Tags

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert